15. November 2014

Das goldene Klopfen

"Hörst du?", fragt mich ein Freund und zeigt in die Luft. Es ist dunkel, man sieht hier oben in den Bergen die Hand vor Augen kaum. Dafür aber viele Sterne. Durch das gesamte Tal hallt ein monotones Klopfen. "Da wird Haschisch gemacht", sagt er. Da wird Haschisch gemacht, aha. Keine Ahnung, wie das aussieht, denke ich in dem Moment, aber das Klopfen nervt. Am nächsten Morgen ist es immer noch da. Oder schon wieder. Vermutlich ist es eine andere Familie, die klopft. Alle hier im Tal klopfen, denn fast alle leben vom Cannabis-Anbau. Schon wenn man in die Schlucht hineinfährt, kommt einem der süßliche Geruch von Cannabis entgegen. Am Tag wird mir dann die ganze Dimension bewusst. Vor jedem Haus stehen die Bündel zum Trocknen, El Kiff, wie die Menschen die Pflanze hier nennen, ist Thema von morgens bis abends. Ist die Ernte schon eingeholt, hat man genug Arbeiter, um den feinen Staub aus den Blüten zu klopfen, kommt der Kurier rechtzeitig, um den Grundstoff für das Haschisch abzuholen? Nur, wenn man die Menschen darauf anspricht, womit sie ihr Geld verdienen, schauen die meisten unschuldig in die Luft und sagen: "Haschisch? Ich doch nicht. Niemals!" Ein sehr amüsantes Schauspiel. 

 

Hier geht's zum Beitrag in der Sendung "Eine Welt" beim Deutschlandfunk.

2. November 2014

Des Königs Zorn ist die beste Werbung

Als Mouad mit dem Moped angerauscht kommt, ist mein erster Gedanke: Vor dem hat der König Angst!? Mouad ist 27, er trägt das Cappy mit dem Schild nach hinten, Badeschlappen, kurze Hose, verwaschenes T-Shirt, eine Figur wie ein Teenager. Er spricht leise und zurückhaltend, überlegt jedes seiner Worte ganz genau. Er ist sich durchaus darüber bewusst, welche Macht sie haben können.

 

König Mohammed VI. von Marokko und sein Apparat wissen es auch. Die Staatsmacht fürchtet Mouad, seit er es mit seinen Texten schafft, die Massen zu begeistern. Eigentlich schreibt er nur auf, was ihm auf der Seele brennt. Dass die Gesellschaft in Marokko nicht gerecht ist, dass es extrem Arme und extrem Reiche gibt, dass der König einen Großteil der Erlöse aus Bodenschätzen für sich einstreicht. In Marokko reicht das aus, um persona non grata zu werden. 

 

Mouad nennt sich als Rapper El Haqed, der Wütende. Auch das passt irgendwie nicht so richtig, wenn man ihn sieht. Er nimmt mich mit zu sich nach Hause. In seinem kleinen Zimmer verkriecht er sich oft und bastelt an neuen Songs. Wenn Freunde ihn besuchen kommen, verewigen sie sich an den Wänden. Hunderte von Gedanken sind hier aufgeschrieben. Auf dem Regal stehen Bücher von Hegel, Nietzsche, Heidegger. Eigentlich würde Mouad gerne Philosophie studieren, aber er ist schon etliche Male durch's Abitur gefallen. Warum, weiß er nicht. Die Behörden verweigern ihm die Einsicht in die Prüfungsergebnisse. Das sind die kleinen Schikanen des Alltags, an denen er merkt, dass er jemandem da oben auf die Füße getreten ist. 

 

Im Herbst war Mouad für den Sakharov-Preis des Europäischen Parlaments nominiert. Ein sehr renommierter Preis, der internationale Aufmerksamkeit bedeutet. Er wird an Personen verliehen, die für Meinungsfreiheit eintreten. Und wieder denke ich mir: Eigentlich sagt Mouad nur, was ihm auf dem Herzen liegt. Man kann seine Texte mögen oder nicht. Aber preisverdächtig? Erschreckend, wie wenig es in manchen Ländern braucht, um ins Visier des Staates zu geraten und ins Gefängnis zu wandern. 

 

Das Absurde ist, dass der Staat mit seiner Strategie genau das Gegenteil erreicht. Eigentlich soll El Haqed ruhig gestellt werden durch die Haftstrafen. Doch jedes Mal, wenn er wieder raus kommt, empfangen ihn mehr Leute vor dem Gefängnis, seine Fangemeinde auf Youtube hat sich mehr als verzehnfacht. "Ja, das Regime ist schon ein bisschen doof", sagt Mouad mit einem Lächeln, das Genugtuung ausstrahlt. Vermutlich würden sich nur wenige für den Jungen aus Casablanca interessieren, wenn der Staat ihm nicht den Kampf angesagt hätte.   

 

Hier geht es zu El Haqeds Youtube-Kanal und hier zu meinem Beitrag bei DRadioWissen.

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Ich freue mich über Ihr Interesse!

 

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© Elisabeth Lehmann